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17.05.2023Elke Jauk-Offner

„Wenn eine Tochter oder ein Sohn ausziehen, bedeutet das eine große Veränderung für die Familie. Übergänge erfordern eine Neuorientierung, eine Form der Anpassung an eine veränderte Lebenssituation“, sagt Kinder-, Jugend und Familienpsychologin Elisabeth Glauninger. Für Kinder gehört der Auszug aus dem elterlichen Nest zum Reifungsprozess, um erwachsener zu werden, um Lebensaufgaben eigenständig zu bewältigen und sich selbst um sein Glück zu kümmern. 


Die emotionale Lösung vom Elternhaus kann aber gerade für Mütter und Väter auch mit einem Gefühl von Verlust verbunden sein. „Das ist vor allem dann der Fall, wenn man sich sehr stark über die Kinderversorgungsrolle definiert hat“, betont Glauninger. Gleichzeitig rückt mit diesem Schritt auch die Phase des eigenen Älterwerdens in den Fokus. „Entwicklungsabschnitte wie diese bergen immer sensible Phasen. In jedem Übergang steckt ein Risiko, aber auch eine Chance“, so die Psychologin. Wie gut man diese Zeit bewältigt, hängt auch wesentlich davon ab, auf welche persönlichen Ressourcen man zurückgreifen kann, wie man grundsätzlich im Leben steht und ob man zusätzlich über Beziehungen verfügt, die als tragend und positiv erlebt werden.

ABNABELUNG AB TAG EINS 


Kann man sich emotional auf den Auszug des Kindes vorbereiten? „Wir sind fortlaufend mit größeren und kleineren Abschieden konfrontiert, das beginnt schon mit dem Durchtrennen der Nabelschnur“, sagt Glauninger. Vom ersten Löffel Beikost bis hin zur verschlossenen Zimmertüre, hinter der laute Musik zu hören ist – die Natur bereitet uns in mehreren Schritten auf eine immer stärkere Abnabelung von unseren Kindern vor. Loszulassen wird kontinuierlich verlangt und geübt. 


Sich an bereits erfolgreich abgeschlossene Abschnitte in der Vergangenheit zu erinnern, kann in der Bewältigung neuer Herausforderungen helfen – selbst wenn Irritationen eine frühere Situation begleitet haben. „Als das Kind beispielsweise seinen ersten Vormittag allein in der Kinderbetreuungseinrichtung gemeistert hat, waren die Eltern vielleicht alles andere als entspannt und sind dennoch erfolgreich einen Schritt zurückgetreten. Im Idealfall haben wir solche Szenen schon mehrmals bewältigt und Positives daraus mitgenommen. 


Dabei gilt auf der emotionalen Ebene: Es gibt keine richtigen und keine falschen Gefühle, alle sind erlaubt. Ein Ablösungsprozess ist stets mit einem Mix an Emotionen verbunden, mit Freude und Stolz, aber auch mit Unsicherheit und Sorge. „Wenn der Umgang mit vielfältigen Gefühlen gelernt und vertraut ist, dann lassen sich auch unangenehme Gefühle aushalten – mit der Gewissheit, dass sie wieder vorbeigehen“, betont Glauninger. Denn im Idealfall sind alle Beteiligten schließlich gut in den jeweils neuen Lebensabschnitten angekommen. Vorübergehende Leere zu spüren, darf für Eltern sein. Wollen negative Gefühle allerdings nicht und nicht weichen und nehmen sie überhand, sollte man professionelle Unterstützung annehmen. 


MEHR ZWEISAMKEIT 


Auch für die Partnerschaft der Eltern ist die Zeit des Auszugs eines Kindes Chance und Risiko zugleich. „Es kommt stark darauf an, wovon die Paarbeziehung bisher getragen wurde. Die gemeinsame Elternschaft ist ein wesentlicher Verbindungspunkt. Stellt man fest, dass darüber hinaus nicht viel bleibt, wird die Beziehung auf eine Probe gestellt.“ 


Mehr Zweisamkeit kann jedoch auch wieder viel in Bewegung bringen: „Die Partnerschaft kann eine neue Qualität erfahren, wie sie vielleicht lange nicht mehr gegeben war. Denn Elternschaft ist geprägt von einer Zurücknahme eigener Bedürfnisse. Nun bleibt wieder mehr Raum – füreinander, aber in weiterer Folge auch Raum für die Pflege von Freundschaften, Beruf oder ehrenamtlichen Tätigkeiten.“ Das Kinderzimmer ist plötzlich keines mehr. Auch da hilft es, den Raum weniger als „leer“ als vielmehr als „frei“ zu empfinden. Er darf ruhig umfunktioniert werden oder auch einfach Kinderzimmer bleiben, das ist eine individuelle Entscheidung. Erlaubt ist, was gut tut. 

ES BRAUCHT LEICHTIGKEIT 


Wie kann man den Auszug selbst gut gestalten? „Gelungene Elternschaft besteht darin, sich immer wieder zurückzunehmen, aber auch vorzuleben, wie man gut auf sich selbst achtet. Es braucht Leichtigkeit, damit Kinder ihre Flügel ausbreiten können. Tränen in den Augen sind vollkommen in Ordnung. Versinkt ein Elternteil aber in Trauer, so ist das auch für das Kind kein sorgloser Abschied.“ Es gilt, sich intensiv vor Augen zu führen: „Das Ende des räumlichen Zusammenlebens ist nicht das Ende der Beziehung“, betont Glauninger, „das Verhältnis zueinander ist das Resultat vieler gemeinsamer Jahre. Man muss schließlich auch mit seinen besten Freunden nicht unter einem Dach leben, um eine tiefe Verbundenheit zu spüren.“ Die Psychologin rät dazu, Rituale zu benennen und zu bewahren, die Nähe ausgemacht haben – ein gemeinsames Frühstück beispielsweise, Spaziergänge, Kaffeehausbesuche oder Telefonate. Es braucht die Bereitschaft, diese an die neue Lebenssituation anzupassen. Denn auch das tägliche In-den-Schlaf-schaukeln in Babyjahren ist ein paar Jahre später einem gemeinsamen Kakao auf der Couch oder ähnlich liebgewonnenen Gewohnheiten gewichen. 


Die gute Botschaft zum Abschied: Du machst deinen Weg, ich bin stolz auf dich. Es ist zugleich auch eine Einladung, gut auf sich selbst zu achten. Kinder sollten in keine Versorgungsrolle fallen müssen. „Wenn man ,Geh nur.’ sagt, soll es nicht wie ,Bitte bleib!’ klingen.“ Für einen neuen Weg braucht es positiven Antrieb und die Gewissheit auf einen sicheren und stabilen Rückhalt. 

Elke Jauk-Offner
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