All das Schöne sehen
Die für mich von so großer Bedeutung gewesene Begegnung liegt nun schon mehr als 40 Lebensjahre zurück. Doch noch heute erinnere ich mich daran, als sei alles erst gestern gewesen. Ich war damals ein junger, strebsamer Mann, beruflich sehr engagiert. Darum war ich restlos glücklich, meinen Urlaub auf einem kleinen Segelboot in der kroatischen Inselwelt verbringen zu dürfen.
Ich liebte das Meer und segelte in kleinen Törns von Insel zu Insel. Auf einer dieser kleinen Inseln lebte ein Maler, der sich mit seiner liebenswerten Frau aus einem alten, halbverfallenen Steinhaus ein zauberhaftes, romantisches Feriendomizil geschaffen hatte.
Ein Jahr zuvor hatte ich mich mit Sonja und Manuel, so hießen die beiden, angefreundet. Ich durfte die beiden auch dieses Jahr wieder besuchen, um einige Tage zu bleiben – und es waren wunderbare Tage. Herrliches Sommerwetter, das Meer karibikblau, mediterranes Essen, interessante Gespräche, stundenlang, bei Wellenrauschen und regionalem Wein.
Auf dem Weg
Am nächsten Tag lud mich Manuel, der sich sehr freute, dass mich seine kunstvoll gemalten Landschaftsbilder beeindruckten, dazu ein, ihn zu seiner Arbeit zu begleiten. Auf dem Weg zu seinem Motiv sagte er zu mir: „Weißt du, malen beginnt mit dem Sehen.” „Wie meinst du das?”, fragte ich ihn. „Was nimmst du gerade wahr?”, ermunterte er mich. „Ich sehe das Meer in seiner türkisen Farbe, dann sehe ich den Strand. Die feinen Steine am Ufer sind weiß. Ich sehe das Boot, die Bäume, die Sträucher und den blauen Himmel”, zählte ich auf.
„Was siehst du noch?”, wollte Manuel von mir wissen. „Die weißen Wolken, die sich leicht bewegen”, ergänzte ich. „Was noch, sieh genauer hin”, forderte er mich auf. „Efeublätter, die sich am Baumstamm entlangwinden”, erweiterte ich meine Aufzählung. „Was kannst du noch sehen?”, beharrte er. „Die zwei Möwen, die im Wasser schwimmen”, antwortete ich.
„Siehst du den Ast, der hier angeschwemmt wurde und jetzt von Sonne und Wasser gebleicht ist? Siehst du das Spinnennetz direkt vor uns? Siehst du die Baumnadel, die sich in diesem Netz gefangen hat? Siehst du das Glitzern des Sonnenlichts im Wasser? Die sanften Wellen, die die kleinen Steine am Strand hin und her rollen. Siehst du den Schatten, den die Bäume auf den Strand werfen?”
Intensiver erleben
All die Fragen machten mir bewusst, dass ich die vielen Dinge erst jetzt richtig wahrnahm. Das Licht, den Schatten, die ständige Veränderung. Plötzlich hatte ich das Gefühl, meine Umgebung bisher noch gar nicht richtig gesehen zu haben.
„Du ahnst nicht, wie viele Menschen immer achtloser durch ihr Leben gehen. Sie sehen die Dinge in ihrer Umgebung wohl, aber nehmen vieles Schöne im Detail und in ihrer Einzigartigkeit nicht wahr. Dadurch entgehen ihnen viele wunderbare Empfindungen.”
Ich beobachtete Manuel beim Malen sehr genau, bewunderte, wie er Licht und Schatten in sein Bild fließen ließ und bemerkte, wie sich plötzlich mein Sehen verändert hatte.
Später, als ich bereits Vater einer kleinen Tochter war, versuchte ich, ihr diese Erfahrung, die ich damals gemacht hatte, weiterzuvermitteln. Wann immer wir einen Ausflug in die Natur machten, fragte ich sie: „Was hast du gesehen?” War sie anfangs noch überrascht von dieser Frage, versuchte sie dann doch, sich an das Gesehene zu erinnern. Je häufiger wir dieses auch für sie interessante Spiel machten, desto präziser wurden ihre Schilderungen. Heute hat sie eine ausgeprägte Beobachtungsgabe, die mich selbst oft überrascht und die sie auch ihrer kleinen Tochter mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen weitervermittelt hat.
Darüber hinaus ist sie mir sehr dankbar, dass sie heute durch diese Übungen in ihrer Kindheit dazu imstande ist, die Schönheit der Natur viel intensiver zu sehen und zu empfinden, was ihr immer wieder Inspiration, Kraft und Glücksgefühle schenkt.
Nehmen wir uns nicht viel zu selten dafür Zeit, die Wunder der Natur mit offenen Augen und Sinnen zu betrachten? Schenkt uns doch dieses Erleben unermesslich viel Harmonie und Lebensfreude. Unter dem Motto: „All das Schöne sehen” ist auch ein Buch entstanden, aus dem ich ein Gedicht von mir zitieren darf:
„Wer schon nimmt ihn noch wahr, den Duft der frischen Sommerwiese? Wer schon ist noch bereit, der Stille zu lauschen? Wer noch erbaut sich am Plätschern des jungen Baches? Wer noch verhilft seiner Seele zu fröhlichem Leben?” Karl Leger
Viele Jahre war er im Management tätig, die gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse vermittelt er als Unternehmensberater, Trainer, Coach und Buchautor. www.leger.co.at
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